Märchen vom Erdbeerkönig

Ein Märchen kann uns viel über unsere Wirklichkeit sagen.

Der Erdbeerkönig

Es war einmal ein König in einem nicht so fernen Land. Der war seiner Zeit weit voraus, denn er regierte sein Land so, dass man in seinem Reich nur immer das verbrauchte, was gerade geerntet wurde. Er liebte ganz besonders Erdbeeren, die nicht auf Mist wuchsen, sondern an die nur Sonne, Wind und Wasser kamen. Dafür spendete er viele Extradukaten aus der Staatsschatulle und sicherte diesen Erdbeerbauern zu, dass ihnen immer alle Erdbeeren abgenommen werden. Anfangs war es kein Problem, denn es wurden nur wenige Erdbeeren geerntet, doch nach und nach haben immer mehr Bauern immer mehr Erdbeeren angebaut. Der König feierte zunächst den großen Erfolg seines Planes, doch da die Erdbeeren leicht verderblich waren, wusste man bald nicht mehr, wohin mit den frischen Erdbeeren.

Der König fragte die Weisen des Landes um Rat, damit diese eine Lösung für das Problem finden. Die Weisen wälzten viele dicke Bücher, fanden aber keine Lösung. Um vor ihrem König nicht als Trottel dazustehen, machten sie ihm viele Vorschläge und boten ihm an, neue Dinge auszuprobieren, wenn der König ihnen dafür weitere Extradukaten aus der Staatsschatulle zusichern würde. Einer schlug z.B. vor, die überschüssigen Erdbeeren auf Schnüre zu ziehen, um sie, wie Pilze und Äpfel, im Wind zu trocknen. Dies wäre doch ganz nach dem Wunsch des Königs, da nur Wind und Sonne an die Erdbeeren kämen.

Das Palaver zog sich hin und der König wollte endlich eine Entscheidung. Da die Weisen zu keinem Ergebnis gekommen waren, fragte der König die Händler des Landes. Die Händler witterten ein gutes Geschäft und schlugen dem König vor, viele neue Transportkarren anzuschaffen, um die Erdbeeren schnell in den Süden des Landes zu bringen. Dort sollten sie auf dem Markt angeboten werden. Dieser Vorschlag war alternativlos, und so begannen sie bald mit der Herstellung der Transportkarren. Doch als die Händler mit ihren Erdbeerfuhren im Süden des Landes die Erdbeeren verkaufen wollten, mussten sie feststellen, dass der Bedarf sehr gering war, denn auch dort wurden gerade Erdbeeren geerntet. So musste man die Früchte oft verschenken. Und manchmal, wenn gerade das gesamte Volk feierte und alle lieber Bier und Wein tranken, statt Erdbeeren zu essen, dann mussten die Händler noch viele Dukaten auf die Erdbeerkiste legen, um sie endlich loszubekommen.

Den Händlern ging bald das Geld aus und sie gingen zu ihrem König. „Du wolltest doch, dass wir die Erdbeeren in den Süden schaffen, nun machen wir ständig Verluste“, hielten sie ihm vor. Der König versprach ihnen, dass sie all ihre Verluste im nächsten Jahr auf den Preis aufschlagen dürfen. Nun waren alle Händler wieder zufrieden.

So ging es Jahr für Jahr, doch langsam wurde das Volk wegen der steigenden Erdbeerpreise mürrisch. Einer schlug vor, die geernteten Erdbeeren unterzugraben, denn dann würde man nichts mehr für den Transport bezahlen müssen. Der König lehnte dies ab, weil er wollte, dass beim Anbau der Erdbeeren keine Verluste entstehen. Wenn später keine Gewinne gemacht werden, wird das erst im nächsten Jahr bemerkt und dann haben die Leute das schon wieder vergessen. Oft reichte auch der Hinweis darauf, dass die Weisen noch keine bessere Lösung gefunden haben.

Eines Tages kam ein Händler auf die Idee, die Erdbeeren an einen Saftmacher zu verkaufen, der das ganze Jahr aus Erdbeeren Saft macht. Dieser kauft die Erdbeeren sehr billig aus einem fernen Land ein, in dem es immer kalt ist, so dass die Erdbeeren gefroren sind und dadurch frisch bleiben. Der Preis für diese Erdbeeren liegt immer weit unter den Preisen, welche die Erdbeerbauern im Königreich bekommen. Trotzdem macht der Händler dem Saftmacher folgendes Angebot:

Wenn ich zu viele Erdbeeren habe, die ich auf dem Markt nicht verkaufen kann, dann überlasse ich dir meine frischen Erdbeeren. Du gibst mir genau so viele Dukaten wie du für die gefrorenen gegeben hättest. Dann machst du aus meinen Beeren Saft. Deine gefrorenen Erdbeeren lässt du statt dessen bei deinem Lieferanten im fernen Land. Im Winter, wenn es bei uns keine Erdbeeren auf dem Markt gibt, kaufe ich die gleiche Menge gefrorener Erdbeeren zurück, weil ich sie dann mit Gewinn bei uns verkaufen kann. So muss ich die Erdbeeren nicht auf Karren in den Süden fahren, um sie zu verschenken.

Der Händler und der Saftmacher wollten die Idee ihrem König vorbringen, doch sie kamen nicht an den Palastschranzen vorbei. Mit etwas List gelang es ihnen dennoch, und wohlwollend hörte sich der König die beiden an. Er wiegte sein weises Haupt und fragte dann seine Minister. Die wiederum fragten die Hoflieferanten, mit denen sie abends in den Schenken des Palastviertels  zusammensaßen, um bei Hummer und Wein über die neusten Order des Königs zu palavern. Oft waren auch große Händler mit am Tisch, denen der König versprochen hatte, dass sie für Erdbeeren stets weniger als das Volk bezahlen müssten, damit sie immer ein gutes Geschäft machen können. Alle palaverten lange, doch sie kamen zu keinem Ergebnis. Ein jeder fürchtete, dass er dann vielleicht nicht mehr genug am Erdbeerhandel verdienen könne.

Nach einiger Zeit bestellte der König seine Minister wieder zu sich. Diese standen noch unter dem Eindruck der fröhlichen Zechgelage mit den Hoflieferanten und Palastschranzen und gaben zu Bedenken, dass die Händler doch gerade viele Karren zum Transport der Erdbeeren angeschafft haben und er ihnen dafür den Ausgleich der Verluste zugesichert hat.

Der König aber erkannte bald, dass sie keine vernünftigen Gegenargumente vorbringen konnten und sie nur an ihren eigenen Vorteil dachten. Und da er nicht nur ein kluger König, sondern auch ein gerechter Herrscher war, dem das Wohl seines Volkes an erster Stelle stand, ordnete er an, dass sich jeder Erdbeerbauer fortan einen Saftmacher suchen muss, dem er die Erdbeeren anbietet, wenn zu viel auf dem Markt sind.

So dauerte es nicht lange, bis alle Bauern einen Saftmacher als Partner gefunden hatten. Der König musste keine weiteren Dukaten aus der Staatsschatulle spenden, und alle machten im Sommer und im Winter ein gutes Geschäft. Sie schwelgten fortan in ihren Erdbeeren, die immer bezahlbar blieben und priesen ihren weisen Erdbeerkönig.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.