Die Grenzen des Systems

 

Betrachten wir einmal eine Extremsituation: Nachts fegen die Herbststürme über Mitteleuropa und der erzeugte Windstrom findet weder im Norden noch im Süden adequate Verbraucher. Der Spotpreis an der Börse fällt bis Null und wird zeitweilig negativ. Das bedeutet, der hochsubventionierte Strom wird verschenkt, um das Netz stabil zu halten. Man kann es auch noch viel drastischer ausdrücken: Ein hochsubventioniertes Wirtschaftsgut wird zeitweilig Abfall!  Energieversorger werden zum Energieentsorger!

Die über das Re- Dispatch Verfahren abgeregelten thermischen Anlagen müssen ab einer bestimmten Stufe gänzlich vom Netz genommen werden, mit der Folge, dass nicht nur erhebliche finanzielle Einbußen entstehen, sondern dass auch zusätzlicher Brennstoff verbraucht wird, denn die Anlagen müssen in einer absehbaren Zeit wieder dem Netz zur Verfügung stehen. Es ist kein gutes Geschäft, Windstrom billig zu exportieren und danach Strom teuer zu importieren. Doch die Übertragungsnetzbetreiber erleiden keine Verluste, da sie alle Zusatzkosten auf den Strompreis umlegen dürfen.
Ein Netzausbau (geplante Kosten über 20 Mill €) bringt etwas Entlastung, da die Verteilung des überschüssigen Windstroms horizontal verbessert wird, doch die „Stromautobahnen“ werden nur in wenigen Stunden genutzt, um „billigen Strom“ zu transportieren. Die Basis ist zwar verbreitert, doch ein Ausgleich der zyklischen Bedarfsschwankungen (Woche, Saison) und der Volatilität der Energieerzeugung (Schwachwind – Starkwind, Tag- Nacht) wird nicht erreicht.

Es ist unschwer zu erkennen, dass ein stabiles Versorgungssystem nicht ohne nennenswerte Speicherkapazitäten  funktionieren kann. Doch derzeit ist kein massetaugliches, zyklenfestes Verfahren verfügbar. Von interessierten Unternehmen ( Autoindustrie, Energieunternehmen) wird die Elektromobilität ins Spiel gebracht. Doch hierdurch wird nur der allgemeine Strombedarf erhöht. Ein netzstabilisierender Beitrag wäre nur durch laststeuernde Eingriffe zu erreichen, was aber den jetzt schon kritischen Nutzungkomfort der E- Mobile erheblich beeinträchtigen würde. Welcher stolze Besitzer eines E-mobils wird sein Auto nur „betanken“, wenn genügend Windstrom zur Verfügung steht und wer wird im Bedarfsfall die gespeicherte Energie dem Netz wieder zur Verfügung stellen? Folglich wird ein nennenswerter Ausbau der Elektromobilität zwangsweise nur zu allgemein höheren Strompreisen führen.

Erprobte Verfahren zum Ausgleich der Bedarfsschwankungen, wie Pumpspeicherwerke, sind nur begrenzt verfügbar (Speicherkapazität ca. 40 Millionen kWh, gegenüber Tagesverbrauch in Deutschland von 1,5 Milliarden kWh) und werden teilweise unwirtschaftlich, da Wetterschwankungen teilweise den periodischen Betrieb überlagern, d.h. Speicherzyklen fallen weg, bzw. die Speicher sind voll, obwohl das Windstromangebot noch nicht abgebaut ist.

Bleibt das Re- Dispatchverfahren als Abregelung der thermischen Erzeuger. Dies findet seine Grenzen, wenn die Regelkapazitäten dieser  Anlagen überschritten werden. Wenn der Anteil der volatil einspeisenden Erzeuger im Verhältnis zu den regelnden thermischen Erzeugern größer wird, dann ist nur noch ein teilweiser Energieausgleich möglich. Der einzige Ausweg ist es dann, billigen Strom zu exportieren, um die Regelkapazitäten anderer Versorgungsgebiete (Frankreich, Niederlande) in Anspruch zu nehmen.